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Kundenrezension

TOP 1000 REZENSENT
Überprüft in Deutschland 🇩🇪 am 23. November 2021
Nachdem es nun schon seit Monaten in den Top-Seller-Listen aller renommierten Buchverkäufern gewesen ist, habe ich mich entschlossen, es nun doch zu lesen. „Stay away from Gretchen“ von Susanne Abel schreckte mich bislang (im Buchpreview) ob seiner kargen, ja, fast trostlosen sprachlichen Einfachheit und Sprödigkeit ab. Das Probelesen fand seine Bestätigung. Susanne Abel berichtet. Sie formt keine Ereignisse. Sie gibt zu Protokoll. Sie schreibt hintereinander weg, was gesehen wird. Ein Zeugenbericht, wie intensiv auch immer, wird jedoch zu keiner literarischen Form, wie sehr sich das neumodische Schreiben dies auch auf die Fahne schreibt und in der neuen Sachlichkeit der Bauhaus-Philosophie zelebriert.

„An der Tür einer Baracke drehte er sich noch einmal um und winkte. Greta hob ihre Hand. Am liebsten wäre sie ihm hinterhergerannt. Aber sie blieb stehen. Und sah ihn in der Tür verschwinden. Sie blieb. Wie versteinert. Lange und frierend. Bis sie verstand, dass die Tür verschlossen blieb. Dann ging sie durch die Kälte die zwei Kilometer nach Hause in die kleine Altstadtwohnung.“

Wie eine Kamera, die Bilderfassung eingeübt hat, wird im Sekundentakt aufgezeichnet. Sprache kann gar nicht weiter auf ihre Funktionalität als Beschreibungsform reduziert werden. Die Sätze sind nicht nur kurz. Das wäre für sich selbst genommen beinahe Stil. Nein, die Sätze sind einfallslos, fast verstümmelt. Man fragt sich: Wieso bleibt Greta stehen? Wie lange? Was geht ihr durch den Kopf? Welche Ängste, Bilder verdichten sich in ihr? Dass ich mir etwas einfallen lassen kann, daran besteht kein Zweifel. Nur nimmt mich Abel nicht mit auf die Reise durch den Reichtum ihrer Figuren. Sie liefert das bloße Rohmaterial einer literarischen Erfahrung. Nur dieses Rohmaterial besitzt jeder von sich aus: Das ist nun einmal das Leben, die Erinnerung, die Sehnsucht und Hoffnung in uns.

Wird Abel literarisch, gerät sie sichtlich an die Grenzen der Anschaulichkeit. Ihre Metaphern und Allegorien langen nicht hin. Sie strudeln, verheddern, verlieren sich in Beliebigkeit.

„Ihre Gedanken und Gefühle sind wie das hölzerne Baumaterial einer Almhütte, die hoch in den Alpen von einer Lawine zerschmettert und ins Tal gerissen, von Schneeschmelzen und heftigen Sommerregen Jahr für Jahr weiter in Gebirgsbäche gespült, in Flüsschen davongetragen wird und schließlich im Rhein landet. Dort wird es von Strudeln in die Tiefe gesogen, taucht wieder auf, verkantet sich, bleibt an der Kette einer Schiffsanlegestelle hängen – bis die nächste Welle es befreit.“

Mir fehlt jede Auffassungsgabe, eine Anschauung für Gretas Gefühle zu entwickeln, wenn ich diese mir als eine von einer Lawine zerschmetterte Almhütte vorzustellen versuche, die von Kette zu Kette der Schiffsanlegestellen in die Nordsee gespült wird. Gefühle lassen sich nicht fassen. Vertrauen oder Hoffnung zersplittern, nicht jedoch die Angst und Trauer, die diese Zerstörung begleiten. Gefühle sind kontinuierlich oder blitzlichthaft intensiv, Spuren in uns, stets gegenwärtig als eine sich anschmiegende Form, kaleidoskopisch in ihrer Einheit. Greta fühlt sich offensichtlich zerrissen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wunsch und Realität. Gefangen zwischen Hoffnung und Sehnsucht möchte sie an einem Vergangenen festhalten, das unrettbar verloren gegangen ist. So viel versteht man. Nur geschrieben wurde es nicht.

„Dann entdeckt er [Tom] neben einer mütterlichen Pflegerin eine kleine Frau, deren Knochen nur noch von der welken Haut zusammengehalten werden. Eine Handvoll Leben, zusammengekrümmt in Embryonalstellung, dämmert sie in einer mit Fell ausgeschlagenen Sitzschale vor sich hin. Toms Hals schnürt sich zusammen. Das ist dann wohl das Endstadium, schießt es ihm in den Kopf, und er wendet sich ab.“

Die Beschreibung ist unfair. Ein Mensch besitzt Ausdruck, wie geschwächt auch immer. Der Mensch erzählt, widersteht, gibt Auskunft, selbst noch kurz vor dem Tod. Hier jedoch wird dem „Fell“ der „Sitzschale“ mehr Aufmerksamkeit gewidmet als dem Gesicht der kleinen Frau, die als „Handvoll Leben“ geradezu abgestempelt wird. Die Brutalität von Altersheimen, die Ignoranz, die alten Menschen entgegengebracht wird, findet in diesen Beschreibungen eine weitere Bestätigung.

Ich gebe dennoch zwei Sterne, weil der Bericht wertvoll, ja symptomatisch ist. Fast jeder wird viele Ähnlichkeiten zwischen dem Aufgezeichneten und dem von Verwandten Selbst-Gehörten feststellen. Auch zittert in den Zeilen von Abel der Wunsch nach Mehr, nach Liebe, Verständnis, nach Geduld und emotionalem Wachstum. Susanne Abel ist kein Boris Pasternak und legt mit „Stay away from Gretchen“ keinen „Doktor Schiwago“ der deutschen Nachkriegsgeschichte vor. Es ist eher das Rohmaterial eines Romans, der noch zu schreiben ist, und zwar der der Ängste und Verluste und Erniedrigungen, die Frauen in und nach den Kriegen fortwährend erfahren, obwohl sie die Welt zusammenhalten und sich und ihre Familien retten und vor dem Schlimmsten bewahren.

Als Dokument 5 von 5 Sternen, als Roman nur 2 von 5 und dies auch nur knapp.
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