Kundenrezension

Kundenrezension aus Deutschland 🇩🇪 am 7. November 2022
Nachdem ich den Vorgängerroman aus dieser Serie um Kate und Caleb erst unlängst las und ihm drei sehr müde blinkende Sternlein vergab, weil ich immerhin das Gefühl hatte, dass sich die dauerjammernde und mit ihrem schlechten Selbstwert hadernde Kate in jenem Buch etwas entwickelt und irgendwie an Standing gewonnen haben könnte, so muss ich jetzt, nach dem Lesen des vierten Teils dieser Romanserie sagen, dass ich mich da wohl getäuscht habe, denn selten klagte und nölte Kate über ihr eigenes - angeblich so schwaches - Ich so sehr wie im vorliegenden Werk.
Sie jammert und heult über ihre Einsamkeit und Graumäusigkeit, und als Leser mag man es einfach nicht mehr hören/lesen - und dann, dann geschieht das, was Kate sich schon seit dreieinhalb Romanen wünscht: Sie landet mit dem männlichen, allerdings stark nach Alkohol riechenden Caleb im Bett, der Leser freut sich und denkt "Mensch, jetzt kann Mauerblümchen-Kate doch mal im Glück schwelgen" - aber nein! Über diese Liebesnacht erfährt man als Leser nur in einem einzigen dürren Satz etwas, während man über Kates Selbstzerfleischung romaneweise etwas lesen muss. Lieber Himmel! Warum kann Frau Link ihre Kate nicht mal aus der Heulsusen-Rolle fallen lassen?
Und Caleb ist ja derselbe Heuler! Was mich an dieser Figur sehr stört, ist die Tatsache, dass sein Alkoholmissbrauch immer beschönigt wird. Nicht unbedingt von ihm selbst, sondern immer aus dem Off heraus: Alle anderen sind angeblich schuld daran, dass der arme Caleb trinken "muss", und insbesondere jener bedauernswerte Inspektor Stewart, der Caleb im Vorgängerroman hinsichtlich dessen Alkoholkonsums auffliegen ließ, der trägt die angeblich größte Schuld an Calebs Verfall (so wird es hier im Buch tatsächlich gesagt), denn der hat den Alkoholkonsum seines Vorgesetzten ja offen angesprochen, und deswegen wurde Caleb suspendiert. Inspektor Stewart ist schuld an Calebs Niedergang - das wird immer wieder heruntergebetet, und es wird auch immer so getan, als sei Alkoholsucht im Polizeidienst ein zu vernachlässigendes Kavaliersdelikt.
Generell muss man sich die Frage stellen, ob auf diesem Polizeidezernat von Scarborough eigentlich nur die dümmsten Absolventen der Polizeischule anheuern, denn so doof wie Pamela, Kate und auch - in den früheren Romanen - Caleb sich jeweils anstellen, kann man doch gar nicht sein! Und Caleb bekleckert sich ja auch in diesem aktuellen Werk nicht eben mit Ruhm, denn es fehlte nicht viel, und er hätte seine angeblich so hoch geschätzte Ex-Kollegin und One-Night-Stand-Bettgenossin Kate auf dem Gewissen gehabt, weil er im entscheidenden Moment den Whiskey halt mal wieder nicht stehen lassen konnte - aber klar: Wer so toll wie Caleb ist, so gut aussieht und so männlich ist (all das wird wirklich dauernd betont...), dem verzeiht man natürlich sowas auch, ist doch gar kein Problem. Mannmannmann!
Insgesamt stimmt in diesem Plot nicht viel. Das Buch beginnt stark - ohne Frage! Aber danach geht es rapide abwärts, und vor allem ist die ganze Story mal wieder viel zu umständlich, unnötig kompliziert und zu lang geraten. Seitenweise muss man lesen, dass es in Scarborough schneit und schneit und schneit. Ich bin über Weihnachten/Neujahr auch oft im Nordwesten im Urlaub (Niederlande), und ganz ehrlich: Dass es derart über mehrere Tage lang schneit, ist im Nordwesten, noch dazu auf einer Insel, an der der Golfstrom vorbeifließt, eher ungewöhnlich. Aber es ist halt ein Zeilenfüller, wenn man dauernd irgendwas über Schneeverwehungen und Selbstwertprobleme lesen muss.
Überdies stellen sich mir noch andere Fragen: Warum wurde z. B. Pamela, als sie sich alleine nach einer jungen Frau auf die Suche begibt, nicht einfach vom Täter liquidiert, sondern "nur" in den Keller gesperrt? Das passt überhaupt nicht zu jenem angeblichen Psychopathen, der ansonsten nicht gerade zimperlich ist, wenn es darum geht, unliebsame Zeugen aus dem Weg zu räumen.
Und warum zieht eine junge Frau, die in ihrer Jugend vom Täter massiv gestalkt wurde, ausgerechnet im Erwachsenenalter in jene Stadt oder Gegend zurück, in der der Täter ebenfalls wohnt? Zumal der Täter einem Beruf nachgeht, der es erfordert, dass er sich "öffentlich" macht, d. h. dass er seine Adresse bekannt gibt, dass er einen aktuellen Internetauftritt hat etc.? Insofern hätte jene junge Frau, die ja angeblich immer noch so große Angst vor ihrem einstigen Stalker hat, doch einfach nur im Internet suchen müssen, um ihn zu finden - und genau in diese Gegend hätte sie dann nicht ziehen dürfen!
Insgesamt erscheint mir auch das Mordmotiv an einer bestimmten Person relativ dünn und bemüht - das ist nicht stimmig. Ein Psychopath mit dem beschriebenen Täterprofil riskiert nicht so viel, ist nicht so dumm, als dass er eine Person, mit der er eigentlich überhaupt nichts zu tun hat, killt und damit Gefahr läuft, dass seine gesamte Strategie kippt.
Und wie kann sich ein einfaches Zimmermädchen, deren angebliche Bescheidenheit immer wieder hervorgehoben wird, als sei Bescheidenheit eine maßgebliche Tugend und Zierde von/für Frauen, das in einem Hotel ein eher ärmliches Gehalt bezieht, eigentlich einen teuren Kochkurs leisten (es wird mehrmals erwähnt, dass jener Kochkurs sehr kostspielig sei...), und warum unterweist die Leiterin eines Kochkurses ihre Kundschaft in einem eng sitzenden Strickkleid und in viel zu engen, hochhackigen Stiefeletten? Kocht man in England in solch einem unpraktischen Outfit?
Generell ist jene Kochkurs-Anna von allen dummen Personen, die sich in diesem Roman die Türklinke in die Hand geben, mit Abstand die Allerdümmste! Warum arbeitet Anna für eine ehemalige Schulkameradin, die sie noch nie wirklich leiden konnte und mit der sie über ein abscheuliches Erlebnis aus der gemeinsamen Jugend verbunden ist? Anna kann jene Dalina bis heute nicht leiden, zudem beschwört ihre Chefin jeden Tag ein Trauma in Anna herauf - und trotzdem ist Anna in dieses Schneekaff Scarborough zurückgekommen, um ausgerechnet bei Dalina zu arbeiten? Das ist doch völlig unglaubwürdig!
Aber gut - Anna ist, wie gesagt, ohnehin ein einziges Ärgernis. Diese Person agiert dermaßen strunzdumm, sie tut nie das Naheliegende und Offensichtliche - nein, Anna jammert stets nur herum, lamentiert, schreit, heult und fühlt sich immer als Opfer der Umstände, und sie bringt es auch fertig, bei einer Gewalttat zuzusehen, zitternd und bebend, aber einfach nichts zu tun. Bravo! Wer Anna kennt, der ist verloren!
Nein, in diesem Roman stimmt nicht viel. Ich habe an Frau Links Büchern oft einiges auszusetzen, aber bisher habe ich ihr immer zugutegehalten, dass sie grundsätzlich schreiben kann, dass sie ein Händchen für Atmosphäre und Stimmungen hat und dass sie - wenngleich nie jemand in ihren Büchern Humor hat oder auch mal lacht - das Depressive insbesondere in ihren Frauenfiguren geradezu kultiviert beschreiben kann.
Aber im neuesten Werk der Autorin kann ich ihr nicht einmal das bescheinigen. Es schneit halt immer - mehr ist an Atmosphäre irgendwie nicht. Und klar, depressiv sind auch wieder alle Personen - aber diese Charaktereigenschaft ist mittlerweile derart ausgereizt, dass selbst einer Charlotte Link dafür keine neuen Umschreibungen mehr einfallen mögen. Dass Frau Link neuerdings auch ein Faible für ausgesprochen dumme Protagonisten zu haben scheint, das ist - zugegebenermaßen - neu, ärgert aber einfach nur. Depressiv und dumm ist bissel arg viel.
Und insofern ist "Einsame Nacht" in meinen Augen leider ein ausgesprochen schlechtes Buch geworden!
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